Füllkörper soweit das Auge reicht…

In diesem Artikel geht es um ein Thema in der Seifengeschichte, das bereits weit über 100 Jahre alt, aber dennoch aktueller denn je ist. Vieles hat sich in der Seifenherstellung verändert. Die Maschinen, die Herstellungsmethoden, die Rohstoffe und natürlich auch die Kunden. Ob die Veränderungen alle gut oder einige davon schlecht sind, darüber lässt sich gesondert ein langer Text verfassen. Aber was absolut gleich geblieben ist, das ist die Gier des Menschen…

Der aufgeweckte Konsument, der weder glitzernden Werbetafeln verfallen ist, noch Ingredienzienlisten in Fachsprache abschrecken können, scheint von Füllstoffe geradezu verfolgt zu werden. Diese kommen in unterschiedlichsten Produkten vor und genauso unterschiedlich ist auch ihr Wesen. Findet man in Chipstüten jede Menge Luft als Füllstoff, um diese prall gefüllt und voll erscheinen zu lassen, so gibt es z.B. bei Waschmitteln die Praktik, das Pulver mit Füllmitteln zu ummanteln, damit dieses nur ja nicht aufstaubt und dem unmündigen Anwender in feinstaubähnlichem Zustand in die Atemwege dringt. Die Liste an weiteren Beispiel wäre sehr, sehr lange…

Und natürlich bleibt auch unser kleines, feines Seifenstück nicht von Füllmitteln verschont. Es wäre zu schön gewesen. Es reicht nicht aus, dass die Industrie minderwertige Rohstoffe verarbeitet und ganz offensichtlich nicht das Wohl des Kunden und schon gar nicht die gesunde Haut zum Ziel hat. Nein! Die oberste Priorität ist immer maximaler Gewinn und der lässt sich bestimmt nicht mit ehrlichem Handwerk erzielen. Dass meist mehr Wert in der Verpackung steckt als im eigentlichen Produkt, ist bereits ein alter Hut für jene, die das Spiel durchschaut haben. Aber, es gibt immer wieder etwas Neues zu entdecken, so auch neulich im Diskonter-Regal.

Wendet man die schön im Holz-Look gestaltete Verpackung und kämpft sich mühsam durch die Ingredientsliste mit den INCI Bezeichnungen der Inhaltsstoffe, stößt man auf einen interessanten Stoff:
SOLANUM TUBEROSUM STARCH
Mit ** versehen und dem Hinweis, dass dieser Stoff aus österreichsicher, kontrolliert biologischer Landwirtschaft stammt.
Na super! Wenigstens etwas! Nur um welchen Stoff handelt es sich hier eigentlich in diesem Stück Seife???

INCI Nomenklatur Klartext: Es handelt sich um Kartoffelstärke!
https://www.haut.de/inhaltsstoffe-inci/inci-detail/?id=15229

Ist doch wunderbar, würde mancher jetzt sagen. Wenigstens mal kein bedenklicher Stoff, der meine Haut schädigt oder das Wasser belastet.
Ja, das in der Tat. Hier müsste man für die Kartoffelstärke wirklich die Lanze brechen und ihr gute und unschädliche Eigenschaften zugestehen.
Aber darum geht es eigentlich hier nicht. Es geht vielmehr darum:
WAS MACHT DIE KARTOFFELSTÄRKE IN EINER SEIFE???

Als ausgebildete Seifensiederin kann ich kurz und bündig sagen: nichts g’scheites!

Aber was hat eine kleine Seifensiederin aus dem Salzkammergut schon großartig zu sagen, zumindest kommt mir das manchmal so vor, wenn ich wieder der Versuchung erliege und mich mit den großen Firmen vergleiche. Ein bisschen Licht ins Dunkel möchte ich aber doch bringen, denn all jene, denen ich diese Geschichte in meinem Seifenladen erzählt habe, waren erst erstaunt, wie das möglich ist. Dann entsetzt, dass sowas in Zeiten von Konsumentenschutz sein darf. Und letztendlich mir gegenüber recht dankbar, dass ich ihnen ein bisschen Seifenwissen vermitteln konnte.

Nun denn, sehen wir uns mal die Geschichte der Kartoffelstärke in der Seife genauer an. Wir reisen dazu hundert Jahre zurück ins Jahr 1918 und lesen im Buch „Handbuch der Seifenfabrikation“ von Alwin Engelhardt, erster Band, Kapitel Sonstige zur Seifenfabrikation nötige Stoffe folgende, höchst spannende Zeilen:

Oh, wie interessant! Und was liest man dazu zum Thema der Kartoffelstärke?

Das von Engelhardt geforderte gesetzliche Vorgehen gegen die Verarbeitung von Füllkörpern in Seifen wäre natürlich aus Sicht des Kunden äußerst wünschenswert. Tatsächlich gab es eine derartige Verordnung gegen die Verarbeitung von Kartoffelstärke,  allerdings zielte diese wahrscheinlich nicht primär auf die schwindlerischen Machenschaften der damaligen Seifensieder ab, sondern hatte eher andere Beweggründe. Hier dazu ein Auszug aus dem Reichsgesetzblatt von 1915, in welchem die Verwendung von Kartoffelstärke, Kartoffelmehl, andere Erzeugnisse aus Kartoffeln sowie Mehle verboten wurden:

Die Verordnung ist nachzulesen auf:
https://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=rgb&datum=19150004&seite=00000155

Nun, da manche in meinen Seifensiederkursen schon mehrfach behauptet haben, Seifensieden sei dem Kochen nicht unähnlich (abgesehen von der doch sehr ätzenden Lauge…) kommen wir wieder zurück zur Verarbeitung von Stärkemehl. Viele Köche und Köchinnen verwenden diese sehr häufig und zwar zum Binden von etwas zu flüssig geratenen Saucen oder dergleichen. Und in der selben Art und Weise verhält sich auch die Stärke in der Seife. Sie bindet viel zu viel Wasser in der Seife. Wasser, das dort eigentlich nicht hingehört und wenn der Konsument Wasser haben möchte, dann kauft er sich welches. Auf jeden Fall möchten die wenigsten Wasser untergemogelt kaufen, denn wenn ich Seife möchte, dann möchte ich Seife, oder etwa nicht.

Wasser in der Seife ist eigentlich nur ein Träger. Man löst die Laugenflocken oder Kügelchen in Wasser auf, damit man beim Vermengen zwei gleiche Stoffe hat, die sich gut mischen – gleiches und gleiches, flüssige Lauge und flüssige Öl/Fettmischung. Das Wasser selbst soll aber am Ende der Verseifung wieder raus. Deshalb auch die mehrwöchige Reifezeit von Seife, wenn sie im Kaltverfahren hergestellt wird, bzw. bei der Produktion im Heißverfahren verdampft viel Wasser schon während der Herstellung. Viel zu viel freies Wasser in der Seife hat auch noch einen weiteren Nachteil, nämlich begrenzte Haltbarkeit. Je weniger freies Wasser in einer Seife, desto länger ist sie haltbar (natürlich gibt es noch andere Faktoren, die die Haltbarkeit der Seife beeinflussen, aber Wasser ist einer davon).

In diesem Sinne darf ich euch auf den Weg geben:
Lasst euch nicht täuschen!
Nicht alles, was glitzert (schöne Verpackung, große Plakatwand, Super-Models,…), ist auch wirklich Gold.
Seid schlau und kritisch. Informiert euch und fragt nach Details.

Das höchste Gut ist und bleibt eure Gesundheit. Auch ein einfaches, gutes Stück Seife ist eine große Investition in die Gesundheit eurer Haut und daher darf es ruhig höchste Qualität sein 🙂